Kirchenfenster, Glasmalerei und das Universum der Glaskunst

  1. Schätze der Glaskunst im Schloss Romont
  2. Beim Glasmacher im Atelier
  3. Glas, ein wundersam wandelbares Material
  4. Glaskunst und natürliches Licht
  5. Glasmalerei wird im Vitrocentre Romont erforscht 
  6. Glasmalerei und die Frauen
  7. Licht und Musik

Schätze der Glaskunst im Schloss Romont

Kirchenfenster sind Meisterwerke der Glaskunst. In der Regel bewundert man sie mit gebührend Respekt und Abstand. Sie haben etwas Unnahbares, Erhabenes an sich, wenn sie etwa die stolzesten Kathedralen und renommiertesten Bibliotheken schmücken. Nicht so im Schloss Romont! Hier bietet das Vitromusée, das Schweizerische Museum für Glasmalerei und Glaskunst, einen privilegierten Zugang. Wer sich für Glasbläserei, Glasmalerei oder generell für Kunst interessiert, wird hier glücklich!

vitromusée
Schlosshof Romont © Pascal Gertschen

Die Sonne beleuchtet den Hof des Schlosses Romont, wo friedliche Ruhe für einen angenehmen Moment abseits des Alltags sorgt. Ich trete ein. Nach wenigen Treppenstufen gewöhnen sich meine Augen ans sanfte Halbdunkel dieses Ortes.

Die gekonnte Inszenierung des Lichtes im Vitromusée macht das Betrachten der Kirchenfenster und Glaskunst-Werke zu einem unvergleichlichen Vergnügen. Da man die meisten Kunstwerke umkreisen kann, lassen sich die verschiedenen Techniken, sei es Glasbläserei, Glasmalerei oder Hinterglasmalerei, im Detail und aus nächster Nähe studieren. 

Der Schlossbau aus dem 13. Jahrhundert beherbergt, auf drei Stockwerke verteilt, eine Sammlung Kirchenfenster aus Mittelalter, Renaissance, Barock und Jugendstil-Zeitalter, aber auch zeitgenössische Kreationen. Temporäre Ausstellungen zeugen immer wieder von einer unglaublichen Vielfalt der Glaskunst und der Hinterglasmalerei, und dies quer durch Epochen und Kontinente.

In der Orangerie vor der Salle des Baillis (St-Luc-Saal) spielen zeitgenössische Glaskunst-Objekte mit dem einfallenden natürlichen Licht. Die Farben zeichnen leuchtende Schwebeflächen in den Raum, die sich im Einklang mit dem Wolkenspiel am Himmel stets aufs Neue verändern. Arbeitsgeräusche und Gelächter im Hintergrund wecken meine Neugier, was läuft da?

Beim Glasmacher im Atelier

Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt ein Grüppchen Besucher die Vorführung des Glasmachers Thomas Blank. Die Workshops und Demonstrationen des Vitromusée Romont bilden eine wunderbare Gelegenheit, einen Überblick der Techniken der Glaserei und des Glaskunst-Handwerks zu gewinnen! Hier kann man sich der Magie des wundersam wandelbaren Materials annähern. Ich geselle mich zu der Gruppe, doch die Hitze der Öfen hält mich auf gebührendem Abstand zum Glaskünstler.  

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© Pascal Gertschen

Thomas Blank ist ein erfahrener Glasmacher und Glaskünstler mit pädagogischer Ader. Er studierte bildende Kunst und Glas in San Francisco und venezianische Techniken in den renommierten Ateliers der Insel Murano. Heute teilt er sein Wissen und Können im Rahmen von Vorführungen und Workshops des Vitromusée Romont:

Vitrodécouverte: 30minütige Führung mit anschliessender Glasbläserei-Vorführung (30 Minuten)

Vitrodécouverte PLUS: stündige Führung mit anschliessender Glasbläserei-Vorführung sowie Gelegenheit zum selber Ausprobieren (1 Stunde)

Diese zwei Angebote richten sich an Gruppen von 20 bis 80 Personen. Sie können mit einem Apéro in der Orangerie des Vitromusée Romont angereichert werden.

Glas, ein wundersam wandelbares Material

Seit über zwanzig Jahren ist die Faszination von Thomas Blank für sein Handwerk mit Feuer und Glas nie erloschen. Glaskunst und Glasbläserei verlangen höchste Konzentration und viel Ausdauer. Doch immer noch fühlt er sich tief beglückt, wenn nach stundenlanger Arbeit ein einmaliges Werk vollendet ist.

Verrier Thomas Blank
Thomas Blank © Pascal Gertschen

Glaskunst: Glasbläser-Werkzeuge wie früher

Die Glasmacher-Werkzeuge sind seit 500 Jahren praktisch unverändert. Mit der Glasbläserpfeife, einem langen Metallrohr, holt man die geschmolzene Glasmasse aus dem Ofen heraus. Wie Generationen von Glaskünstlern vor ihm, handhabt Thomas Blank verschiedene Zangen. Mit diesen streckt er die weissglühende Masse, drückt sie flach und formt sie. Dann verwendet er eine Holzkelle, um die heisse Glasmasse etwas abzurunden, bevor er sie aufbläst.

Dann bläst er das anfangs winzige, sanft eingehauchte Luftbläschen behutsam zur gewünschten Grösse auf. Ein exakt applizierter Wassertropfen, ein kurzer Schlag auf die Pfeife, und der Temperaturunterschied trennt das fertig geformte Glasstück rasch und sauber vom Rohr.   

Glasbläserei, mein ungeschickter erster Versuch 

Ich soll mich an dieses traditionsreiche Handwerk heranwagen! Aus vier Öfen schlägt mir Hitze entgegen, die Luft ist schwer, jede Handbewegung soll nun kontrolliert und ganz ruhig erfolgen.  

Thomas hält für mich die Glasbläserpfeife (canne de verrier), an deren Ende die Glasmelasse gelblich glühend schimmert. Ich setze mich auf die Werkbank, um die Stange besser drehen zu können. Ungeschickt versuche ich zu verhindern, dass die Masse zu Boden tropft. Mit der rechten Hand greife ich nach einer langen Zange. Ganz kurz lässt sich das Glas gut dehnen, dann verliert es seine Gluthitze und erstarrt. Ich bin zu langsam. Eine Glasbläser-Karriere in weiter Ferne!

Ich muss die gestalterischen Ansprüche an meine Glaskunst herunterschrauben. Die Glasmasse kann zwar unbeschränkt oft wiedererhitzt werden, was mir denn auch wiederholte Versuche erlaubt. Schliesslich muss ich aber resignieren und mir eingestehen, dass meine Fertigkeiten weder zu einer Blume noch zu sonst etwas erkennbar Figürlichem reichen. Doch den Herzschlag des alten Glasbläser-Handwerks habe ich hier gespürt, und das allein ist schon beglückend!

Das Glaspferdchen, unumgängliches Gesellenstück

In den Glaskunst-Ateliers von Murano bei Venedig war ein Glasmacher-Meister immer von Kindern umgeben, die hofften, eines Tages bei ihm als Assistenten wirken zu dürfen. Um die Auswahl dieser Nachwuchs-Glasmacher rankt sich eine schöne Legende: Nur wenn ein Geselle fähig war, aus der heissen Glasmasse ein Pferdchen zu gebären, sei er würdig, Glasmacher zu werden. Die Tierfigur muss sehr rasch geformt werden, dabei gute Proportionen und natürliche Körperbewegungen aufweisen.

Thomas Blank zeigt uns das legendäre Gesellenstück vor. In Rekordzeit führt er präzise und gleichzeitig ganz feine Handbewegungen aus und lässt die berühmte Skulptur vor unseren Augen entstehen.

Verrier qui fait un cheval
© Pascal Gertschen

Weitere Workshops

Die Glasmalerinnen und -maler des Schweizerischen Fachverbandes für Glasmalerei bieten ebenfalls Demonstrationen und Workshops an. Eine weitere wunderbare Gelegenheit, über dieses so spezielle Kunsthandwerk mehr zu erfahren!

Das Vitrofestival in Romont, die Biennale der Schweizer Glaskunst, garantiert noch mehr Entdeckungen rund um Kirchenfenster und Kunst mit Glas. Nebst professionellen Erschaffern von Kirchenfenstern, vielen Glasmalern, Glasbläsern und anderen Glaskünstlern sind auch interessierte Besucherinnen und Besucher willkommen. Treffen wir uns also im 2021 in Romont?

Glasmalerei, die hohe Kunst des Mittelalters

Im obersten Stockwerk, unter dem sichtbaren Dachstuhl des Schlosses, zeigt eine Ausstellung figürliche Arbeiten aus dem Mittelalter und der modernen Zeit. Intensive Farben für die romanische Kunst, detailliertes Design im gotischen Zeitalter. Seit der Renaissance haben die Glasmaler zudem Perspektiven und anatomische Korrektheit in ihre Werke eingearbeitet.

Betörende Portraits

Zwei nebeneinander ausgestellte Werke ziehen augenblicklich meine Aufmerksamkeit auf sich: „The lady with a book“ und „The lady with the rose“, beide um 1917 von Owen Bonawit geschaffen. Anstatt flaches Glas zu verwenden, liess der Glaskünstler das Glas zerlaufen. Damit erhielt er ein dickeres Material mit einer profilierten Oberfläche, aus dem er mehr Tiefe und eine faszinierende Licht-Intensität herausschaffen konnte.

Die Abwesenheit von leuchtenden Farben verstärkt den Eindruck von Kraft im Blick der beiden Frauen. Die Kopfhaltung und die Komposition an sich erinnern an Werke von Malern am Hofe Tudor. Der Hintergrund, einer Damast-Tapete nicht unähnlich, beschwört den barocken Stil des 18. Jahrhunderts herauf. Das dick zerlaufene Glas formte ein reiches Relief, in welchem das Licht fröhlich spielt. Ihr Blick, streng und gleichzeitig ein wenig melancholisch, fesselt meine Aufmerksamkeit geradezu.

Glaskunst und natürliches Licht

In der Orangerie wird das natürliche Licht zur Akteurin und erzeugt reizvolle Effekte im Werk „Summer Solstice Spitfires“ von Brian Clarke (Erschaffer der Kirchenfenster in der Abtei La Fille-Dieu in Romont).

Sonnenstrahlen tanzen im Blattwerk der imposanten Buche, deren Äste weit über den Hof des Schlosses reichen. Dieses gefilterte und vibrierende Licht erzeugt vergängliche Effekte auf den Farben der Kirchenfenster.

Am Himmel zieht eine Wolke vorüber. Die aus buntem Glas geschaffenen Spitfire-Jagdflugzeuge überzieht ein Schatten, was der Szene unverzüglich einen beunruhigenden Anstrich verleiht. Diese Illusion hält mich – und wohl die meisten Betrachter – wie im Bann einer Zauberei gefangen.

Die moderneren Glasmalereien finden in diesem lichtdurchfluteten Gang eine ideale Bühne, um ihre Transparenz und grafischen Spielereien in den verschiedensten Nuancen wirken zu lassen. Als Besucher kommt man hier den grossen Wundern der Glasmalerei ein paar Schritte näher.

Café à l'orangerie au Vitromusée à Romont
Kaffee in Orangerie in vitromuseum © Pascal Gertschen

Der Rhythmus der Farben, eine Studie der EPFL 

Früher hatten die Betrachter von Kirchenfenstern die Gewohnheit, diese ausführlich und lange zu beobachten. So entdeckten sie das Schillern ihrer Farben in direkter Verbindung mit den Sonnenstrahlen oder dem Licht eines wechselhaften Himmels.

Gelbtöne können in der Abenddämmerung wärmer werden, grüne Nuancen kühler in nebliger Morgenstunde. Diese Dynamik nennt man die „Vierte Dimension“ der Glasmalerei. Diese Metapher wird derzeit durch Spezialisten der Eidgenössischen Technischen Hochschule EPFL wissenschaftlich untersucht, dies in Zusammenarbeit mit dem Vitrocentre Romont.

Glasmalerei wird im Vitrocentre Romont erforscht 

Die 1988 gegründete Stiftung Vitrocentre Romont ist die wissenschaftliche Partnerin des Vitromusée. Ihre Forschungsarbeiten zur Geschichte der Kirchenfenster, der Glasmalerei, der Unterglasmalerei und des Werkstoffes Glas an sich sind international anerkannt. Nicht zuletzt dienen sie dem Erhalt des Schweizerischen Kulturerbes. Das Vitrocentre Romont untersucht auch Konservierungsmethoden und Technologien im Zusammenhang mit Glaskunst aller Art.

Gutachten und Beratungen zu diversen Restaurations-Fragen, etwa zu Kirchenfenstern, sind ebenfalls Aufgaben des Vitrocentre Romont. Das Forschungszentrum arbeitet eng zusammen mit wissenschaftlichen Kreisen, welche dem Corpus Vitrearum International (Internationale Glasmalerei Forschung) angeschlossen sind. Das Zentrum stellt ikonographische Dokumentationen zur Verfügung und gibt regelmässig Publikationen heraus.

Glasmalerei und die Frauen

Die Kunstgeschichte hat es seit jeher regelmässig verpasst, die weiblichen Kunstschaffenden zu erwähnen. Das Vitromusée Romont begeht diesen Fehler nicht und beleuchtet explizit das weibliche Kunstschaffen in der Glaskunst.

Es richtet die Scheinwerfer auf seine Kollektionen neu aus und inszeniert einen Teil des Unterglasmalerei-Bereichs allein im Zeichen weiblicher Kreationen. Dieser Ausstellungsteil soll permanent erhalten bleiben und zeigt rund ein Dutzend Werke von Frauen aus dem 18. bis zum 21. Jahrhundert. Damit will das Vitromusée Romont die Bedeutung der Frauen hervorheben, respektive ihres Schaffens in der wunderbaren Welt der Glasmalerei und Glaskunst.

Licht und Musik

Musik klingt durch die Säle des Vitromusée und taucht die leuchtenden Werke edler Glasmalerei und Glaskunst in süsse Melodien. Das Anschwellen von Geige und Kontrabass nimmt die Besucher mit auf eine einzigartige Klangreise, in einen Wirbel von Farben, was alle Sinne weckt und die Wahrnehmung schärft.

Die Zusammenarbeit mit jungen Talenten des Konservatoriums Freiburg (KF) bedeutet auch für das Vitromusée und seine ausgestellte Glaskunst-Werke eine neue Dimension. Es kommt zum Treffen zweier Kunst-Genres, gegensätzlicher Schauplätze und Epochen.Diese Transdisziplinarität ist der Träumerei und dem innerlichen Reisen förderlich. Und bildet damit eine zusätzliche Art, die unbegrenzten Möglichkeiten der Glaskunst, der Kirchenfenster und der Glasmalerei zu erkunden.

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